Der Ganztag kommt: Anspruch vs. Realität

In Frankfurt steht ein großer Umbruch bevor: Ab dem kommenden Schuljahr wird der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen stufenweise eingeführt. Das Ziel der Stadt ist ambitioniert: Ein flächendeckendes, qualitativ hochwertiges Angebot, das Bildungsbenachteiligung abbauen und echte Chancengleichheit schaffen soll. Doch während die Stadt Frankfurt auf ihrer offiziellen Webseite das Konzept als Meilenstein für die Gerechtigkeit beschreibt, wächst unter uns Kita-Eltern die Skepsis – sowohl beim Thema Kosten als auch bei der praktischen Umsetzung des neuen Bildungsangebots.

Der „Frankfurter Weg“: Ein Konzept mit großen Zielen

Das „Gesamtkonzept Ganztag“ sieht vor, dass Kinder von 07:30 bis 17:00 Uhr verlässlich betreut werden, inklusive der Ferienzeiten. Laut der offiziellen Quelle wird der Ganztag in verschiedenen Modellen organisiert (wie der Erweiterten Schulischen Betreuung – ESB, dem Pakt für den Nachmittag oder Ganztagsschulen). Die Stadt betont dabei Leitziele wie Wohlbefinden, Erfolg und Gerechtigkeit. Herkunft soll nicht mehr über den Bildungsweg entscheiden.

„Chancengleichheit“ nur für die, die es sich leisten können?

Das Versprechen der Chancengleichheit bekommt jedoch einen säuerlichen Beigeschmack, wenn man auf die Finanzierung schaut. Während einige AGs erfreulicherweise kostenlos angeboten werden, sieht es bei anderen Angeboten wie bei jedem klassischen Hobby aus: Sie kosten extra.

Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind in kostenpflichtige Nachmittagsangebote; wer nicht, bleibt im kostenfreien Betreuungsprogramm. Hinzu kommt: Im Gegensatz zu den beitragsfreien Kindergartenjahren in Hessen ist die nachmittägliche Grundschulbetreuung ohnehin mit monatlichen Beiträgen gemäß dem einkommensabhängigen Elternentgelt sowie zusätzlichen Kosten für das verpflichtende Mittagessen verbunden. Das konterkariert den Gedanken, einen Raum komplett ohne soziale Barrieren zu schaffen.

Die große Unbekannte: Wo bleiben die Vereine im Quartier?

Neben dem Geldbeutel wirft vor allem die inhaltliche und logistische Umsetzung noch viele Fragen auf. Der Ganztag lebt von der Vielfalt – von Sport, Musik und Kultur, die traditionell durch lokale Vereine und externe Kursanbieter abgebildet werden. Doch hier klafft im Konzept noch eine Lücke:

Wie sollen es lokale Sportvereine, Musikschulen oder ehrenamtliche Initiativen künftig schaffen, an allen Grundschulen in ihrem jeweiligen Quartier präsent zu sein? Die Grundschule können sich Kinder bzw. ihre Eltern schließlich nicht aussuchen, sie wird einem zugewiesen – die Unterschiede zwischen einzelnen Schulen in der jeweiligen Auslegung und Umsetzung des Ganztagskonzepts sind bereits jetzt deutlich spürbar. Zudem zwingt das neue Konzept die Anbieter, frühe Kurszeiten weiter nach hinten zu verschieben, da der koordinierte Ganztag die Kinder mindestens bis 14:30 Uhr bindet. Als Nebeneffekt führt dies theoretisch auch zu reduzierten Angeboten, weil dadurch möglicherweise weniger Unterrichtseinheiten angeboten werden können.

Unser Fazit

Wir begrüßen, dass Frankfurt die Betreuungslücke nach der Kitazeit schließen will, ebenso den Ansatz der Chancengleichheit. Doch ein Rechtsanspruch ist wenig wert, wenn er an die finanzielle Leistungsfähigkeit der Eltern gekoppelt ist und das Angebot am Nachmittag kollabiert, weil die Einbindung der Vereine vor Ort nicht zu Ende gedacht wurde. Wirkliche Chancengleichheit entsteht erst dann, wenn der Ganztag nicht nur verwahrt, sondern im gesamten Quartier verlässlich und bezahlbar mit Vielfalt und Qualität gefüllt wird.


Alle offziellen Infos der Stadt Frankfurt zum Ganztag haben wir auch in unserer Infothek zusammengestellt.

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